Dieser Beitrag von Maximilian von Heyden und Henrik Jungaberle ist erschienen im Alternativen Drogen- und Suchtbericht 2018, der kostenfrei als PDF zur Verfügung steht.


Abstract

Fehlernährung, Bewegungsmangel sowie ein lebensgeschichtlich früher oder riskanter Konsum von psychoaktiven Substanzen sind typische Themen der Gesundheitsförderung und Prävention an Schulen. Die ideengeschichtliche Konfrontation zwischen Gesundheitsförderung und Prävention ist inzwischen weitgehend obsolet, da sich beide in Hochschulausbildung und Praxis angenähert haben. Parallel dazu existiert hier aber auch noch ein interventionistisches Reparaturdenken und eine „Quick Fix“-Idee, die sich in Schulen gegen die pädagogische Praxis stellt. Der nachfolgende Beitrag benennt bestehende Herausforderungen für eine einheitliche, an Evidenz und Demokratieförderung orientierte Präventionspraxis und deutet auf Wege zur Annäherung zwischen politischem Anspruch und praktischer Wirklichkeit.


Es gibt historische Unterschiede in der Haltung und den Zielen von Gesundheitsförderung und Prävention. Größere Teile der Gesundheitsförderung sind an Autonomie und langfristigen Entwicklungszielen orientiert. Gesundheitsförderung zielt dabei auf einen Prozess ab, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen und sie damit zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen“ (International Conference on Health Promotion 1986). Hier gibt es eine Vorstellung von den biopsychosozialen Zusammenhängen, in denen Gesundheitsverhalten eingebunden ist. Das ist bei weiten Teilen der Präventionsakteure inzwischen auch so: es gibt eine wachsende Entfremdung gegenüber dem Reparaturdenken, das an kurzfristigen Interventionen orientiert ist. Die jüngere Geschichte der schulischen Gesundheitsförderung und Prävention in Deutschland ist eigentlich eine erfreuliche. Unter Anerkennung der physischen, psychischen und sozialen Determinanten von Gesundheit wurde mit der Verabschiedung des „Gesetz zur Stärkung der Gesundheitsförderung und Prävention“ im Jahr 2015 eine wegweisende Voraussetzung geschaffen, um diese finanziell abzusichern und strukturell zu verankern (Meierjürgen/Becker/Warnke 2016). Auch die Kultusministerkonferenz bekannte sich bereits im Jahr 2012 umfassend zu deren Bedeutsamkeit als Teil von Schule. So heißt es in der Empfehlung zur Gesundheitsförderung und Prävention, dass sie als „integrale Bestandteile von Schulentwicklung“ zu betrachten sind und „als grundlegende Aufgaben schulischer und außerschulischer Arbeit wahrgenommen“ werden sollen. „Sie stellen keine Zusatzaufaben der Schulen dar, sondern gehören zum Kern eines jeden Schulentwicklungsprozesses“ (Kultusministerkonferenz 2012).

Doch vielerorts gibt es noch einen großen Graben zwischen politischem Anspruch und gelebter Wirklichkeit zu überwinden. So fehlt es trotz der bereits 2012 beschlossenen Empfehlung häufig noch an Wissen, den Instrumenten und Ressourcen und vor allem an der Ausbildung der lehrenden Akteure um diese Anspruch zu gestalten. Der Zusammenhang zwischen Bildung und Gesundheit ist den meisten Akteuren im Bildungssystem aus täglicher Praxis bekannt. Und so wäre es falsch, vorschnell den Vorwurf der Nachlässigkeit oder Untätigkeit zu erheben. Vielmehr trifft man häufig auf Hilf- und Ratlosigkeit, auf geäußerte Zeitnot sowie Sorgen vor rechtlichen Konsequenzen, da juristisch eine Förderung des Substanzkonsums als strafbar beurteilt werden könnte. Deshalb sind Schulleiter und Pädagogen auf Hilfestellungen bei der Auswahl und Einführung wirksamer, nachhaltiger und ethischer Maßnahmen der Gesundheitsförderung und Prävention angewiesen. Die Lage ist komplex: Jenseits der Förderung individueller Kompetenzen durch Übungen und Projekttage erfordert eine authentische und vor allem wirksame schulische Gesundheitskultur auch das Infrage stellen und die Neugestaltung von Schule selbst – und ist somit nur durch langfristig angelegte Schulentwicklungsprozesse befriedigend zu erreichen. Ein genauer Blick offenbart vielerorts jedoch eine andere, noch punktuelle und nach Maßstäben wissenschaftlicher Forschung bestenfalls unwirksame Vorgehensweise. Dieser Befund wäre zu verzeihen, wenn er gerade beim lebenslang relevanten Thema psychoaktive Substanzen nicht mit ethischen Problemstellungen verbunden wäre (Brotherhood 2018; Burkhart 2015). Wie am Beispiel des Präventionsdilemmas besonders deutlich wird, profitieren von den verbreiteten Maßnahmen vor allem diejenigen Schülerinnen und Schüler am meisten, die am wenigsten vulnerabel sind und entsprechend nur in geringerem Maße im Kerninteresse von Prävention stehen.

Abbildung 1 Schulbasierte Suchtpräventionsmaßnahmen: Verfügbarkeit und Nachweis der Wirksamkeit (EMCDDA 2015)

In Ermangelung belastbarer Daten über die gegenwärtige Situation der schulischen Suchtprävention in Deutschland ist lediglich eine Rundschau über typische Herausforderungen in dieser Lebenswelt möglich. Beide Autoren haben jahrelange Erfahrung in der Weiterbildung von Schulleitern, Lehrern und Sozialarbeitenden, in- und außerhalb von Schulen. Die Lage stellt sich einfach dar: Falls überhaupt strukturierte Angebote vorzufinden sind, werden diese häufig von motivierten Einzelpersonen getragen und stehen in keinem kohärenten Zusammenhang zu anderen bedeutsamen Präventionsthemen wie Ernährung, Bewegung und gewalttätigem Verhalten. Für Schulleiter und Präventionslehrer stellt sich aus Ermangelung zusammenhängender Konzepte und Ressourcenproblemen die Frage, welche der vielen Gesundheitsthemen und Angebote aufgegriffen werden sollen. An Verknüpfung verschiedener Angebote, Personal- und Organisationsentwicklung oder gar eine integrierte Strategie im Sinne von Präventionskette ist angesichts dessen häufig nicht zu denken. Suchtprävention eignet sich als hervorragendes Beispiel, um das Thema Gesundheitsförderung und Prävention an Schulen insgesamt zu thematisieren. Wirksame Elemente von Suchtprävention erscheinen bei einer oberflächlichen Betrachtung zunächst kontraintuitiv und entsprechen häufig dem Gegenteil dessen, was zu positiver medialer Resonanz führt oder für Laien nachvollziehbar ist (Burkhart 2015). Es verwundert also nicht, dass die vielerorts anzutreffenden Maßnahmen häufig nicht den bestehenden Kriterien guter Praxis Rechnung tragen und dennoch mediale Zustimmung genießen. Der geläufige Ansatz, schulferne und zum Teil pädagogisch unqualifizierte Personen gegen Honorar zur Erbringung verinselter Leistungen zu beauftragen ist kostenintensiv. Nicht selten sind das ehemalige Abhängige. Dennoch erfordert auch dieses Vorgehen mindestens einen schulischen Koordinator. Doch wie erfolgreich würde die Vermittlung grundlegender mathematischer Fähigkeiten verlaufen, wenn diese an einem einzigen Tag in der Schullaufbahn durch eine Person erfolgen würde, die sich insbesondere dadurch qualifiziert, ihre Leidenserfahrung mit Mathematik vor der Klasse zu reflektieren? Ernstzunehmende Untersuchungen zeigen, dass viele Maßnahmen und Angebote nicht zur Erreichung der postulierten Gesundheitsziele beitragen und schlimmstenfalls sogar zu einer Verschlechterung führen können (Bonell et al. 2015; Werch/Owen 2002). Die Möglichkeit negativer Auswirkungen wird von Praktikern jedoch zu selten in Betracht gezogen. Viele wertvolle Beiträge wurden seit der Jahrtausendwende geleistet, um einen umfassenden Qualitätsbegriff im Kontext von Suchtprävention zu entwickeln und in die Breite zu tragen (Brotherhood 2018). Die daraus resultierende Bewusstheit für die Verfügbarkeit evidenzbasierter Interventionen geht jedoch bei Praktikern häufig noch mit der naiven Annahme einher, dass diese aus sich selbst heraus wirksam seien. Entscheidender Faktor in pädagogischen Situationen bleibt jedoch die durchführende Person selbst. Gelingende Implementationen hängen von mehr als der Adaption von Methoden ab, sondern erfordern professionelle Selbstreflexion, gelingende Beziehungsgestaltung und angemessene Rahmenbedingungen. Die zunehmende Forderung nach Wirksamkeitsnachweisen für Präventionsmaßnahmen sollte dennoch nicht das bisher Geleistete in ein schlechtes Licht rücken. Vielmehr macht sie eine kritische Prüfung und integrative Ansätze notwendig.

Die Errungenschaft des Präventionsgesetzes und vieler Programmentwickler im Kontext von Gesundheitsförderung und Prävention haben den Graben zwischen Anspruch und Wirklichkeit tendenziell vertieft und sichtbarer gemacht. Die historisch nachvollziehbare Trennung zwischen Bildungs- und Gesundheitssystem verstärkt diesen Effekt. Verantwortliche im Kontext Schule wurden häufig nicht im Rahmen ihres Studiums für diese Anforderung qualifiziert. Die Pädagogen nicht auf interventionistisches Arbeiten mit den verbundenen Risiken im Sinne iatrogener Effekte vorbereitet. Ein Lösungsansatz könnte die systematische Qualifizierung von Schulleitern sein, denen bewältigbare Konzepte angeboten werden, die für Kollegium und Schülerschaft adaptiert und zu jedermanns Gewinn implementiert werden können. Bisher erfolgt die Einführung von Präventionsprogrammen an Schulen häufig in
Reaktion auf Vorfälle, die ein sichtbares Handeln notwendig machen. Dies steht im starken Kontrast zur Idee einer präventiven Gesundheitskultur, dem ein differenziertes Curriculum zugrunde liegt, dass die wesentlichen Kompetenzen heranwachsender Menschen in Bezugnahme auf die relevanten Entwicklungsaufgaben anspricht und die einzelnen verhaltens- und verhältnisorientierten Maßnahmen miteinander in Beziehung bringt. Auch sollten qualifizierte Externe weiter eine Rolle spielen dürfen. Gegen eine Auslagerung der Verantwortung für zentrale Gesundheitsthemen wie beispielsweise Suchtprävention sprechen jedoch zahlreiche Argumente. Sie schafft Ungerechtigkeit, da aufgrund zeitlicher und finanzieller Restriktionen nicht jeder Schüler Zugang zu für ihn adäquaten Präventionsmaßnahmen erhält und diese in deutlich unterschiedlicher Qualität angeboten werden. Sie macht abhängig, da sie in der Regel von externen Finanzierungsstrukturen und Dienstleistern abhängt. Sie lagert die Verantwortung für Gesundheit aus – obwohl die Präventionsforschung zeigt, dass gerade systemische Maßnahmen einen besonders großen Einfluss auf das Gesundheitsverhalten haben (Burkhart 2015). Nicht zuletzt dient schulische Bildung eben auch der Heranführung von jungen Menschen an demokratische, kooperative und selbstbestimmte Praktiken und Problemlösestrukturen. Eine isolierte und interventionistische Präventionslogik kann das nicht erfüllen, weil sie in der Tendenz steht, Menschen auf defizitäre Strukturen und non-konforme Verhaltensweisen zu reduzieren und in der Folge Sanktionen zu präferieren. Gebraucht werden jedoch Projekte, Räume und Prozesse, in denen alle Gesundheitsverhaltensweisen Teil der demokratischen Grundidee sind: diese lautet, Menschen zu immer mehr Mündigkeit zu verhelfen. Das widerspricht nicht den gut belegten Effekten der Verhältnisprävention (Steuern auf Risikosubstanzen oder Zucker, Raucherschutz etc.), sondern ergänzt sie. Denn Mündigkeit braucht Herausforderungen und Widerstände, Orte, an denen Menschen ernst genommen und mit sozialen und gesundheitlichen Erwartungen konfrontiert werden – um dann eigenständige Entscheidungen treffen zu können. Vor dem Hintergrund der aufgezeigten Entwicklungschancen möchten die Autoren jedoch Mut machen, sich nicht einer negativen Fixierung hinzugeben. Gesundheitsförderung als Haltung, das bedeutet auch von den zahlreichen Beispielen des Gelingens zu lernen und die vielen guten Ansatzpunkte, die seitens der Politik, Wissenschaft und Praxis entwickelt wurden als Ressourcen nutzen zu lernen.

Referenzen

Bonell, C., Jamal, F., Melendez-Torres, G. J., & Cummins, S. (2015). “Dark logic”: Theorising the harmful consequences of public health interventions. Journal of Epidemiology and Community Health, 69(1), 95–98. https://doi.org/10.1136/jech-2014-204671

Brotherhood, A. (2018). Qualität in der Suchtprävention: Was können Qualitätsstandards leisten?, (2).
Burkhart, G. (2015). Suchtpräventive Ansätze: eine transnationale Perspektive. Handbuch Psychoaktive Substanzen, 1–34. https://doi.org/10.1007/978-3-642-55214-4_5-1

EMCDDA. (2015). Europäischer Drogenbericht 2015. https://doi.org/10.2810/41797
International Conference on Health Promotion. (1986). Health promotion: Ottawa charter. WHO/HPR/HEP/95.1. Unpublished. Retrieved from http://www.who.int/healthpromotion/conferences/previous/ottawa/en/

Kultusministerkonferenz. (2012). Empfehlung zur Gesundheitsförderung und Prävention in der Schule. Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 15.11.2012. 12.06.2015, 1–7. Retrieved from http://www.kmk.org/fileadmin/veroeffentlichungen_beschluesse/2012/2012_11_15-Gesundheitsempfehlung.pdf

Meierjürgen, R., Becker, S., & Warnke, A. (2016). Die Entwicklung der Präventionsgesetzgebung in Deutschland. Pravention Und Gesundheitsforderung, 11(4), 206–213. https://doi.org/10.1007/s11553-016-0556-z

Werch, C. E., & Owen, D. M. (2002). Iatrogenic Effects of Alcohol and Drug Prevention Programs. Stud. Alcohol, 63, 581–590. https://doi.org/10.15288/jsa.2002.63.581